Sozialstaat wächst schneller als die Wirtschaft

Tagesgespräch zu Wirtschaftsthemen wie Geldmarkt, Börse, Währung, Finanzkrise, Inflation aus Deutschland und der Welt

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Beitrag 05.07.2016, 19:45

Marek
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Hallo,

nur mal um die Relationen zu verdeutlichen, letztens in der Presse
(... und aus der Erinnerung zitiert...)
Wer 40 (45?) Jahre lang arbeitet muss aktuell deutlich über 10 € (10,80 € oder so) verdienen,
um nicht Rente unter dem Sozialhilfesatz zu beziehen.

Somit: Danke für nichts an die SPD für Hartz IV und Mindestlohn.

.... der steigt ja demnächst auf 8,82 € oder so.
In ca. 75 Jahren kann sich dann der fleißige Arbeiter den Weg aufs Amt sparen,
das nenne ich mal Fortschritt!

Mal abgesehen von den oft zitierten Friseurinnen in der Zone
gilt mein Mitgefühl übrigens hauptsächlich den Leiharbeitern.
Was da abgeht ist für "normale" Arbeitnehmer unvorstellbar.

Hier auf dem Lande wird das wahrscheinlich bei der nächsten Revolution
wie in "Frankenstein" gelöst werden (Mistgabeln, Fackeln, Stricke).
Ich stelle mich dann übrigens keinem in den Weg... smilie_13

Liebe Grüße
Marek

Beitrag 05.07.2016, 22:01

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Sapnovela
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Marek hat geschrieben: Mal abgesehen von den oft zitierten Friseurinnen in der Zone
gilt mein Mitgefühl übrigens hauptsächlich den Leiharbeitern.
Was da abgeht ist für "normale" Arbeitnehmer unvorstellbar.
smilie_23 smilie_23 smilie_23
Es lebe die Dividende...

Beitrag 05.07.2016, 22:50

BOB
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Die meisten Niedriglohnjobs finden sich an der nächsten Straßenecke und nicht bei börsennotierten Unternehmen, auch wenn es McD und andere Ausnahmen gibt.
Und was hast Du gegen Dividende? Ja, Aktionäre sind zurecht daran interessiert.
Oder hat ein Gold- und Silberbesitzer etwas gegen die Wertsteigerung seiner Münzen und Barren?
Das wäre eine etwas seltsame Einstellung auf einer Seite für Edelmetalle, oder?

Beitrag 06.07.2016, 10:23

mazell
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BOB hat geschrieben:Die meisten Niedriglohnjobs finden sich an der nächsten Straßenecke und nicht bei börsennotierten Unternehmen, auch wenn es McD und andere Ausnahmen gibt.
Und was hast Du gegen Dividende? Ja, Aktionäre sind zurecht daran interessiert.
Oder hat ein Gold- und Silberbesitzer etwas gegen die Wertsteigerung seiner Münzen und Barren?
Das wäre eine etwas seltsame Einstellung auf einer Seite für Edelmetalle, oder?
Die Relation macht es. Ich finde auch meine Shelldividende supergeil aber ich wäre nie so drauf zu sagen das irgendwie das Unternehmen zum Teil mir "gehört". Die Arbeiter die den Laden am leben halten "gehört" das Unternehmen mehr als unser einer.

Was an Dividende einbehalten wird kann man auch als Einmalzahlung mehr an die Arbeiter ausgeben.

Es ist doch eineindeutig klar das in diesem System, die die am wenigsten arbeiten am meisten Geld erhalten und die die am meisten arbeiten am wenigsten Geld erhalten.

Das mag immer schon mehr oder weniger so wgewesen sein aber es hat eine perverse Form angenommen.

Heute musste ich lesen das der VW Vorstand sich schön die Boni einstreicht und die Mitarbeiter dumm darstehen. Das kann NICHT NICHT NICHT auch nur irgendwie erklärt werden durch irgendwelche beschis... Klauseln in Arbeitsverträgen. Das geht nicht es geht einfach nicht das so etwas irgendwie auch nur annährend Rechtens ist.

Beitrag 06.07.2016, 13:49

BOB
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mazell hat geschrieben: Ich finde auch meine Shelldividende supergeil aber ich wäre nie so drauf zu sagen das irgendwie das Unternehmen zum Teil mir "gehört". Die Arbeiter die den Laden am leben halten "gehört" das Unternehmen mehr als unser einer.
Was an Dividende einbehalten wird kann man auch als Einmalzahlung mehr an die Arbeiter ausgeben.
Seltsam, aber bisher dachte ich, dass man genau deshalb Aktien kauft, um als (kleiner bis winziger) Teilhaber des Unternehmens an dessen Gewinnen (über die Dividende) und Aussichten (über Kursanstiege) zu profitieren. In früheren ruhigeren Börsenzeiten ohne heftige, durch Spekulationen bedingte Kurssprünge und -abstürze war die Dividende sogar der wichtigere Teil. Als Teilhaber an einer GmbH ohne Börsenkurse rentiert sich ein Investment ja auch erst durch ausgeschüttete Gewinne.
Dieses berechtigte Anliegen einer ja auch mit Risiken behafteten Geldanlage bedeutet doch nicht gleich Ausbeutung und "Raubtierkapitalismus" - es ist eher ein "leben und leben lassen". Dass es dabei auch sehr unangenehme Auswüchse gibt, bestreite ich überhaupt nicht und ärgert auch mich. Aber dies liegt bestimmt nicht am Kneipenwirt, Bäcker, kleinen Handwerker oder Friseur, der seinen Leute nicht gut genug bezahlt.
Um den Bogen zurück zu den Sozialausgaben zu schlagen: Sie sind nicht zuletzt eine Folge dessen, dass immer mehr lieber gar nicht als "einfach" arbeiten wollen. Ist es wirklich ethischer, als gesunder arbeitsfähiger Mensch für nichts vom Staat, also durch die anderen, alimentiert zu werden?
Früher konnte ein nicht grundreicher, aber gutverdienender Bürger eine Haushaltshilfe beschäftigen - heute gilt dies als unmenschliches Halten von "Dienstmädchen". Wenn nötig, hat man den Gärtner, den Klempner, den Elektriker, den Maler bestellt - heute läuft auch die Mittelschicht nur noch in die Baumärkte, um alles zeitaufwändig, aber billiger "do-it-yourself" zu machen. Auch sie verdient eben nicht soviel, wie der einfache Arbeiter kostet, dessen Nettolohn aber nur ein Bruchteil der bezahlten Arbeitskosten ausmacht. Dieser große Faktor ist das Übel und muss gesenkt werden.
Ja, Arbeit muss sich lohnen. Aber vor allem muss anerkannt werden, dass auch einfache Arbeit besser ist als keine.

Beitrag 06.07.2016, 22:02

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MaciejP
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BOB hat geschrieben:In früheren ruhigeren Börsenzeiten ohne heftige, durch Spekulationen bedingte Kurssprünge und -abstürze war die Dividende sogar der wichtigere Teil.
Wann soll denn das gewesen sein, als die Börsenkurse nicht durch Spekulaten wild auf- und abgetrieben wurden? smilie_08
„Wenn der Durchschnittsmichel Gold kauft, kann er keine Fehler machen.“ – „Gold fliegt nicht weg.“

Beitrag 06.07.2016, 22:43

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Sapnovela
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BOB hat geschrieben: Ja, Arbeit muss sich lohnen. Aber vor allem muss anerkannt werden, dass auch einfache Arbeit besser ist als keine.
Genau... sozial ist, was Arbeit schafft?
Ich erinnere mich da an einen gewissen Volker Pispers... "Herr Pofalla... wenn ich jetzt einen Baseballschläger nehme und Ihre Hackfr... damit zertrümmere... schafft das jede Menge Arbeit im Gesundheitssektor... wie sozial soll ich denn jetzt mal sein?"

Es geht schlicht darum, dass Arbeit mehr als nur Beschäftigung ist und eine Vollzeitstelle ein vernünftiges Leben ermöglichen muss, sonst ist der Wurm im System.... und ja er ist im System und frisst sich immer weiter durch.

Bzgl. Dividende (s.o.): Klar ist die Dividende bei Unternehmen interessant für Anleger, nur warum soll/muss/kann sie durch Dumping-Löhne erwirtschaftet werden? Apple bspw. könnte dafür sorgen, dass die Arbeiter bei Foxconn etc. reale Löhne bekommen und nicht Vollzeit ausgebeutet werden, bis sie sich selbst vor Verzweifelung umbringen. Ebenso könnte EDEKA vernünftige Erzeugerpreise zahlen, damit auch die Produzenten leben können... oder BMW & Co. könnten Leiharbeitern richtiges Geld zahlen, wenn sie schon die erste Abschusslinie bei jeder Rationalisierung bilden. Aber nein... woher kommen gerade noch die Parteispenden?

Ohne Teilhabe der Bevölkerung keine Demokratie.

Beitrag 07.07.2016, 09:06

Klecks
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Sapnovela hat geschrieben: Bzgl. Dividende (s.o.): Klar ist die Dividende bei Unternehmen interessant für Anleger, nur warum soll/muss/kann sie durch Dumping-Löhne erwirtschaftet werden? Apple bspw. könnte dafür sorgen, dass die Arbeiter bei Foxconn etc. reale Löhne bekommen und nicht Vollzeit ausgebeutet werden, bis sie sich selbst vor Verzweifelung umbringen. Ebenso könnte EDEKA vernünftige Erzeugerpreise zahlen, damit auch die Produzenten leben können... oder BMW & Co. könnten Leiharbeitern richtiges Geld zahlen, wenn sie schon die erste Abschusslinie bei jeder Rationalisierung bilden. Aber nein... woher kommen gerade noch die Parteispenden?
smilie_01

Exakt das ist der Punkt: Da wurden anständig bezahlte Festangestellte durch Leiharbeiter zum halben Lohn ersetzt,. Und zwar nicht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit sondern ausschließlich um die Geier unter den Börsianern mit traumhaften Gewinnen zu pampern.
Die Lohnstückkosten sind deshalb nicht geringer geworden. Sie wurden lediglich "ausgelagert": In Form von HartzIV-Aufstockung, zu zahlen durch die Allgemeinheit. Die höheren Dividenden stammen also nicht aus einer höheren Wertschöpfung sondern werden ausschließlich von dir, mir und jedem anderen Steuerzahler bezahlt.
Das Leben ist zu kurz, um alle Fehler selber zu machen.

Beitrag 07.07.2016, 11:25

Mehrgoldfüralle
Doch, selbstverständlich senkt das die Lohnstückkosten, deshalb sind wir ja auch Exportweltmeister. Dieses Land leistet sich Leiharbeit, einen riesigen Niedriglohnsektor und den dazu notwendigen Sozialsektor. Bezahlt wird aus dem Steueraufkommen der mittleren Verdiener.
Die "Belohnung" besteht in aufgeblähten Target2-Konten und in frisch gedruckten Dollars.

Die Folgen dieser Politik sind in ganz Europa zu bestaunen, vor allem im Süden, wo die Länder in der völlig verrückten Eurozwangsjacke stecken, aber Hauptsache Deutschland exportiert und lebt unter seinen Verhältnissen.

Beitrag 07.07.2016, 13:28

BOB
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Beim Thema Leiharbeiter sind wir nahe beieinander, auch für mich sind die bei uns eingerissenen Gewohnheiten in vielen Fällen skandalös. Dabei ist das Instrument eigentlich gut, damit Unternehmen vorübergehende Auftragsspitzen abfangen können. Müssten sie für diese Flexibilität nicht weniger, sondern - ähnlich wie bei Überstunden - sogar mehr Stundenlohn zahlen, würden sie ihre Lust schnell verlieren, auf längere Sicht anfallenden Arbeitsbedarf auf diese Weise auszulagern.
Mein Thema waren einfache Arbeiten, die bei uns inzwischen so verpönt sind, dass man auf sie verzichtet. Mir fällt es auf, wenn ich in manchen anderen Ländern, die hier gewiss nicht als Vorbild gelten, viele Menschen finde, die mir gern und fröhlich die Tür aufhalten, den Weg weisen, den Mantel abnehmen, den Koffer tragen, die Schuhe putzen, die Einkaufstüte zum Wagen bringen, den Autotank befüllen und die Windschutzscheibe reinigen. Alles Jobs, also Beschäftigungen gegen wenig Lohn und/oder vor allem Trinkgeld, sicherlich keine Arbeitsstellen in unserem Sinn mit Tarifvertrag und Rentenanspruch.
Die meisten dieser Dienstleistungen waren noch in den 1960er Jahren auch in Deutschland "normal". Wir haben seitdem eine "Selbstbedienungsmentalität" in anderem Sinn entwickelt, die dadurch verstärkt wird, dass wir neben einer "klassenlosen" Gesellschaft selbstverständlich auch keine Ausländer "ausbeuten" wollen.
Meine Frage erneut: Ist es ehrenhafter, vom Staat Geld für Nichtstun zu bekommen, als auch einfache Tätigkeiten zu übernehmen?

Beitrag 07.07.2016, 13:37

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VfL Bochum 1848
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BOB hat geschrieben: .....
Meine Frage erneut: Ist es ehrenhafter, vom Staat Geld für Nichtstun zu bekommen, als auch einfache Tätigkeiten zu übernehmen?
Nein, meines Erachtens nicht, aber wo zählt heute noch der Wert: lieber ehrenhaft einfache Tätigkeiten ausführen als Geld vom Staat zu bekommen. Das ist eine (leider) überholte Vorstellung aus den vergangenen Jahrzehnten. Unter vielen auch jüngeren Leuten ist es heute teilweise schick mal eine gewissen Zeit zu "harzen".
Ich würde sogar soweit gehen, dass Du heutzutage bei vielen Menschen in Deutschland belächelt wirst, wenn Du statt Arbeitslosengeld zu beziehen eine "ehrenhafte, einfache" Tätigkeit annimmst, wobei Du dann netto weniger als eben das Dir zustehende ALG in der Tasche hast.
VfL Bochum? -Find ich gut!

Beitrag 07.07.2016, 13:45

Krümel
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es gibt aber auch Leute ... mir reicht die Lektüre der ersten Seite

Beitrag 07.07.2016, 13:57

Mehrgoldfüralle
Krümel hat geschrieben:es gibt aber auch Leute ... mir reicht die Lektüre der ersten Seite
Ja, es ist schon erschreckend, wie wenig da teilweise nachgedacht wird. Freilich leben wir im Sozialismus, aber für Reiche. Notenbanken dienen dazu, "Finanzmärkte" zu stützen, weil Risiko geht gar nicht. Das haben gefälligst die Menschen mit mittleren Einkommen zu tragen, seien sie nun Arbeitnehmer oder Selbstständige.

Beitrag 08.07.2016, 10:29

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Sapnovela
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Mehrgoldfüralle hat geschrieben:Doch, selbstverständlich senkt das die Lohnstückkosten, deshalb sind wir ja auch Exportweltmeister. Dieses Land leistet sich Leiharbeit, einen riesigen Niedriglohnsektor und den dazu notwendigen Sozialsektor. Bezahlt wird aus dem Steueraufkommen der mittleren Verdiener.
Die "Belohnung" besteht in aufgeblähten Target2-Konten und in frisch gedruckten Dollars.

Die Folgen dieser Politik sind in ganz Europa zu bestaunen, vor allem im Süden, wo die Länder in der völlig verrückten Eurozwangsjacke stecken, aber Hauptsache Deutschland exportiert und lebt unter seinen Verhältnissen.
Bulls-eye.

Garniert werden die von Dir geschilderten Folgen noch durch die sinkenden Preisniveaus in Südeuropa, die sich entgegen der monetaristischen Theorie trotz der Euro-Schwemme der EZB festgesetzt haben. Sinkende Löhne, steigende Arbeitslosigkeit, Defaltion und steigende Staatsschulden, alles schon mal dagewesen. Die historischen Folgen sind bekannt. Verarmung weiter Bevölkerungsschichten, politische Radikalisierung... aber hey, ist alles alternativlos und wir haben die erfolgreichste Bundesregierung aller Zeiten smilie_10 Wenn alle Länder Südeuropas genau wie wir Exportweltmeister sind, sind alle Probleme gelöst.

Beitrag 08.07.2016, 13:09

BOB
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Jetzt sind wir bei der Weltwirtschaftspolitik angelangt - interessant und wichtig, aber nur marginal von uns zu beeinflussen. Mit gutem Beispiel voranzugehen, ist dann richtig, wenn man zuversichtlich sein darf, dass genügend andere auch folgen - sonst wird es leicht zur Dummheit. Die Antwort auf die Frage, ob manche Löhne eher zu hoch oder eher zu niedrig sind, ist zum Teil ein Henne-und-Ei-Problem, zum Teil ein komplexer Regelkreis, zum Teil Ansichtssache.
Das Problem des Niedriglohns tritt immer dann auf, wenn Menschen mit unterschiedlichen Randbedingungen bei meist einfachen Tätigkeiten miteinander konkurrieren: der Familienvater oder die alleinerziehende Mutter ist in einer anderen Lebenssituation als der Schüler, der für seinen Führerschein, oder der Student, der für seinen Urlaub jobbt. Sobald es Aufgaben (wie z.B. in der Gastronomie) gibt, die der eine wie der andere ohne langwieriges Anlernen problemlos erledigen kann, ist der Konflikt vorprogrammiert. Ein Arbeitgeber sollte doch wohl die objektive Arbeit bezahlen und nicht den subjektiv notwendigen Unterhalt des Mitarbeiters.
Noch vor wenigen Monaten wurde eine lange Diskussion geführt, ob ein Mindestlohn von 8,50 EUR in manchen Branchen nicht zuviel ist, dieser steigt nun auf 8,84 EUR, aber dies und selbst 12,50 EUR werden hier von manchen offenbar als Hungerlohn angesehen.
Was wäre denn fair? Die 9 bis 10 EUR westlicher Nachbarländer wie Frankreich, Belgien, Niederlande, die etwa 6,50 EUR in den USA, die 3 bis 4 EUR der Sonnenländer Portugal, Spanien und Griechenland oder die 2 bis 3 EUR der östlichen Nachbarn wie Polen, Tschechien, Ungarn, Türkei? Selbst wenn man diese Zahlen mit der Kaufkraft gewichtet, sind die Unterschiede eklatant.
Und wie soll die Differenz finanziert werden, wenn abends nicht genug in der Kasse ist? Durch staatlichen Zuschuss?

Dass es Millionenerben wie auch Investmentbanker, Manager und andere überbezahlte Gruppen gibt, stimmt zwar, hilft aber an dieser Stelle nur wenig. Steuern sollen nach meiner Auffassung dazu dienen, staatliche Gemeinschaftsaufgaben zu finanzieren, und nicht dazu, tatsächlich oder vermeintlich ungerechte Lohnunterschiede auszugleichen, zumal dies sowieso nicht gelingt.
Interessant ist übrigens auch ein Perspektivenwechsel: Ich kenne mehr als einen, der früher sehr für das "Soziale" und den "kleinen Mann" argumentiert hat, bis er selbst z.B. durch Einstellen einer Haushaltshilfe mit ein paar Stunden die Woche zum kleinen Arbeitgeber wurde. Wenn sich nun die Putzfrau krank fühlt und absagt, heißt es bei ihm, dass sie faul und zu empfindlich sei und bestimmt blau mache...

Beitrag 08.07.2016, 13:55

Mehrgoldfüralle
Doch ja, 8,50, 8,84 und auch 12,50 sind definitiv Hungerlöhne. Als Alleinverdiener kann kein Mensch davon eine Familie ernähren. Also muss staatliche Subvention her. Ironischweise kommt diese Subvention aus den Taschen derer, die nur unwesentlich mehr verdienen, weil denen nämlich im Unterschied zu Investmentbankern, Mangern und Millionenerben die Steuern direkt am Lohn abgezogen werden. Die besser betuchten haben Möglichkeiten, ihre Steuern zu senken, oft sogar ganz zu vermeiden.

Ein auch nur einigermassen vernünftiges und gerechtes ( ein frommer Wunsch ) Steuersystem muss selbstverständlich die besser verdienenden stärker belasten. Das wäre auch relativ leicht zu bewerkstelligen, wenn die Konzernbesteuerung geregelt würde, statt immer nur heiße Luft abzusondern und hintenrum alle möglichen Vergünstigungen einzuräumen. So aber tragen die mittleren Einkommen die Last, unter anderem, um die schlechter gestellten zu alimentieren.

Beitrag 08.07.2016, 15:28

BOB
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Mehrgoldfüralle hat geschrieben: Ein auch nur einigermassen vernünftiges und gerechtes ( ein frommer Wunsch ) Steuersystem muss selbstverständlich die besser verdienenden stärker belasten.
Ja, sicherlich, zu den für Gemeinschaftsaufgaben notwendigen Steuern müssen Besserverdienende mehr beitragen. Viele hier wünschen aber weit darüber hinaus etwas anderes: Dass nämlich die Steuern an und für sich der Herstellung einer Lohngerechtigkeit dienen. Diesen Robin-Hood-Gedanken ("Man nehme von den Reichen und gebe es den Armen") teile ich nicht. Wenn man nicht möchte, dass Banker, Manager oder Fußballspieler jährlich eine Million Euro und mehr erhalten, sollte man auf deren Arbeitgeber einwirken. Nachträglich ihnen das Meiste wegzubesteuern, funktioniert zumindest dauerhaft nicht.
Ich kann mich noch erinnern, wie in der 1970er Jahren das sozialistische Schweden mit exorbitanten Steuersätzen Leute wie Björn Borg und Ingmar Bergman vergraulte, die (völlig zurecht) das Land verließen, und selbst die gute Astrid Lindgren verärgerte. Bis heute führt die Vermögenssteuer dort zum gläsernen Menschen.
Der deutsche Weg sollte nicht so rigoros kapitalistisch sein wie der der USA, aber auch nicht die skandinavische Mentalität nachzuahmen versuchen.

Beitrag 08.07.2016, 16:03

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Sapnovela
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BOB hat geschrieben:Jetzt sind wir bei der Weltwirtschaftspolitik angelangt - interessant und wichtig, aber nur marginal von uns zu beeinflussen. Mit gutem Beispiel voranzugehen, ist dann richtig, wenn man zuversichtlich sein darf, dass genügend andere auch folgen - sonst wird es leicht zur Dummheit. Die Antwort auf die Frage, ob manche Löhne eher zu hoch oder eher zu niedrig sind, ist zum Teil ein Henne-und-Ei-Problem, zum Teil ein komplexer Regelkreis, zum Teil Ansichtssache.
Es geht nicht um Weltwirtschaftspolitik sondern um deutsche Politik, daher sind sehr wohl Lösungen möglich. Aktuell exportieren wir nicht nur Autos & Co sondern leihen den Käufern auch gleich das Geld, um die Sachen zu kaufen. Wer wird am Ende blöd dastehen, der Schuldner, der seine Schulden nicht mehr zahlen kann / will / wird oder der Gläubiger, der weder sein Geld noch seine "verkauften" Güter wiedersieht? Wir können in Deutschland doch nicht ernsthaft davon ausgehen, dass wir das Geld zzgl. Zinsen aus Südeuropa im Rahmen der aktuellen wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse wiedersehen... wo soll das Geld denn erwirtschaftet werden? So viel Olivenöl können wir unmöglich verbrauchen.

Die deutsche Industrie muss Marktanteile in Südeuropa an lokale Produzenten verlieren, damit dort wieder produziert / gearbeitet und Geld verdient werden kann. Nur so sehen wir wenigstens einen Teil der Gelder wieder. Außerdem muss das Lohnniveau in Deutschland steigen, wenn der Abstand zwischen Sozialleistungen und Arbeitseinkommen steigen und die Arbeitsaufnahme attrakiver werden soll. Die steigenden Löhne in Deutschland werden natürlich auf die Preise schlagen und die Inflation in Deutschland steigen lassen (der empirische Zusammenhang zwischen Löhnen und Preisen ist extrem eng) , was die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Eurozone sehr viel stabiler wieder ins Lot bringt, als die Austeritätspolitik à la Griechenland. MIt Henne-Ei oder Ansichtssache hat das nichts zu tun, das ist Volkswirtschaftslehre. Zugegeben nicht die neoklassische Theorie, der sich Schäuble, Merkel und Co verpflichtet fühlen... aber die zeigt z.B. in Griechenland ja ganz klar ihre Fehlerhaftigkeit auf.

Beitrag 08.07.2016, 16:45

BOB
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Registriert: 14.01.2012, 20:12
Sapnovela hat geschrieben: (...)
Außerdem muss das Lohnniveau in Deutschland steigen, wenn der Abstand zwischen Sozialleistungen und Arbeitseinkommen steigen und die Arbeitsaufnahme attrakiver werden soll.
(...)
MIt Henne-Ei oder Ansichtssache hat das nichts zu tun, das ist Volkswirtschaftslehre. Zugegeben nicht die neoklassische Theorie, der sich Schäuble, Merkel und Co verpflichtet fühlen (...)
Nur zu den beiden Punkten.
Zum einen: Ja, wir sind uns einig, dass der Abstand zwischen Sozialleistungen und Arbeitseinkommen zu niedrig ist. Du schließt daraus, dass deshalb die Löhne steigen müssen; ich meine hingegen, dass man die Sozialleistungen überdenken muss. Wer nämlich objektiv z.B. wegen Alter oder Krankheit nicht arbeiten kann, wird auch dann nicht jünger oder gesünder, wenn es für Arbeit mehr Geld gibt. Die "Arbeitsaufnahme attraktiver" machen, trifft es ja: Wir sollen also diejenigen bitten und locken, die derzeit lediglich keine Lust auf Arbeit haben? Niemand braucht zu arbeiten, aber es hat auch niemand Anspruch auf ein Durchfüttern durch diejenigen, die arbeiten gehen. In einem zivilisierten Land wird man Menschen nicht verhungern und obdachlos lassen - aber viel mehr Anspruch auf "Teilhabe" halte ich für falsch, alle weitere nur bei Gegenleistung. Einige der zahlreichen Betätigungsmöglichkeiten für nahezu jedermann habe ich ja zuvor aufgeführt. Länder und Zeiten, in denen es härter zugeht, zeigen, was geht.
Zum anderen: Auch ich kenne einige makroökonomische Zusammenhänge in Grundzügen, aber gerade deshalb weiß ich, dass VWL keine exakte Wissenschaft sondern zu einem guten Teil eben doch Anssichtssache ist.

Beitrag 08.07.2016, 16:46

Mehrgoldfüralle
Sapnovela hat geschrieben:
BOB hat geschrieben:Jetzt sind wir bei der Weltwirtschaftspolitik angelangt - interessant und wichtig, aber nur marginal von uns zu beeinflussen. Mit gutem Beispiel voranzugehen, ist dann richtig, wenn man zuversichtlich sein darf, dass genügend andere auch folgen - sonst wird es leicht zur Dummheit. Die Antwort auf die Frage, ob manche Löhne eher zu hoch oder eher zu niedrig sind, ist zum Teil ein Henne-und-Ei-Problem, zum Teil ein komplexer Regelkreis, zum Teil Ansichtssache.
Es geht nicht um Weltwirtschaftspolitik sondern um deutsche Politik, daher sind sehr wohl Lösungen möglich. Aktuell exportieren wir nicht nur Autos & Co sondern leihen den Käufern auch gleich das Geld, um die Sachen zu kaufen. Wer wird am Ende blöd dastehen, der Schuldner, der seine Schulden nicht mehr zahlen kann / will / wird oder der Gläubiger, der weder sein Geld noch seine "verkauften" Güter wiedersieht? Wir können in Deutschland doch nicht ernsthaft davon ausgehen, dass wir das Geld zzgl. Zinsen aus Südeuropa im Rahmen der aktuellen wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse wiedersehen... wo soll das Geld denn erwirtschaftet werden? So viel Olivenöl können wir unmöglich verbrauchen.

Die deutsche Industrie muss Marktanteile in Südeuropa an lokale Produzenten verlieren, damit dort wieder produziert / gearbeitet und Geld verdient werden kann. Nur so sehen wir wenigstens einen Teil der Gelder wieder. Außerdem muss das Lohnniveau in Deutschland steigen, wenn der Abstand zwischen Sozialleistungen und Arbeitseinkommen steigen und die Arbeitsaufnahme attrakiver werden soll. Die steigenden Löhne in Deutschland werden natürlich auf die Preise schlagen und die Inflation in Deutschland steigen lassen (der empirische Zusammenhang zwischen Löhnen und Preisen ist extrem eng) , was die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Eurozone sehr viel stabiler wieder ins Lot bringt, als die Austeritätspolitik à la Griechenland. MIt Henne-Ei oder Ansichtssache hat das nichts zu tun, das ist Volkswirtschaftslehre. Zugegeben nicht die neoklassische Theorie, der sich Schäuble, Merkel und Co verpflichtet fühlen... aber die zeigt z.B. in Griechenland ja ganz klar ihre Fehlerhaftigkeit auf.
Nicht nur dort, sondern überall auf der Welt versagt die neoliberale Lehre, vor allem dort, wo der IWF "hilft". Ansonsten nur smilie_23

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