9-11 für Arme?

Tagesgespräch zu Wirtschaftsthemen wie Geldmarkt, Börse, Währung, Finanzkrise, Inflation aus Deutschland und der Welt

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Beitrag 16.09.2012, 21:53

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Sapnovela
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Zuletzt geändert von Sapnovela am 12.05.2013, 09:51, insgesamt 1-mal geändert.

Beitrag 17.09.2012, 06:50

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Ladon
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Sapnovela hat geschrieben:...

Im Islamic Banking sind alle Elemente angelegt, die unserem Geldsystem eine Alternative entgegensetzen könnten:

Riba - das allgemeine Zinsverbot
Gharar - das Verbot der Spekulation
Maysir - das Verbot des Glücksspiels

Es geht im Kern darum, dass man nicht mit Geld weiteres Geld verdienen kann.

Also: Wenn sich islamische Länder als Alternative zum "Westen" und seinem suizidalen Zinseszinssystem profilieren wollen, dann sollten sie gerade hier aktiv werden. Doch... leider ist außer den wirtschaftlich rückständigen Ländern Iran, Pakistan und Sudan keiner auf die Linie des Islamic Banking umgeschwenkt... schade eigentlich.
...
Vielleicht sollten wir an dieser Stelle mal erwähnen, dass die "westliche Welt", die "christliche Hemisphäre", "(West-)Europa", das Gebiet des "karolingischen Reiches" ... wie auch immer: "WIR" halt, solche religiösen Regelungen früher durchaus auch kannte! Was dazu führte, dass überproportional viele aus "sozialen Randgruppen" in die Rolle der "Geldverleiher" (Finanzakteure, Bankiers etc.) kamen. Was daraus auf Dauer entsteht, wissen wir auch alle.

Noch wichtiger aber ist: Solche Bestimmungen sind RESTRIKTIONEN für einen freien Markt. Können wirklich GESETZE - überdies RELIGIÖSE! - eine Lösung für die Problematiken des Geldsystems sein? Schaffen solche "Verbote" nicht erst auch die "Schlupflöcher" mit denen Profiteure das System ausnutzen? Und weil die Schlupflöcher so profitabel sind wachsen sie schließlich, bis viel mehr Loch als Substanz da ist.

Also für mich ist die Vorstellung von derart geknebelter Wirtschaft ein Graus (auch wenn ich durchaus nicht zu den "dogmatischen wirtschaftlichen Libertinarians" gehöre). Und wenn es dann auch noch religiöse (bzw. "kirchliche", was man wohl besser als einen Unterschied markiert) Korsetts sind, in die die Gesellschaft gesteckt werden soll ... für mich kein akzeptabler Weg um die Missstände des Systems auszuräumen - das ist das gleiche wie ein Goldstandard IM globalen Zentralbanksystem: Füttert letztlich nur die jetztigen Profiteure und Machthaber (wirtschaftlich wie politisch).

Etwas provokanter könnte man auch sagen: Solche religiösen Lebensregeln gelten in unserem Kulturkreis zu Recht als "mittelalterlich".

...
...
...

Das heißt jetzt NICHT, dass man überhaupt nicht regulieren sollte, jedoch sind "Verbote", "schärfere Gesetze" usw. eigentlich in allen Bereichen ab einem gewissen Grad kontraproduktiv (NOCH mehr Verkehrsregeln? VERSCHÄRFUNG des Waffenrechts? Europaweite Bankenaufsicht? ...). Wenn ein Regelungsrahmen existiert (wie z.B. grundlegende Verkehrsregeln, die notwendig sind und deren Einhaltung durchgesetzt werden muss), kann man durch Aufblähung des Regelwerks irgendwann keine strukturelle Verbesserung des "Themas" real mehr erreichen. Dann werden mit jeder neuen Regelung eigentlich nur neue "Straftäter" geschaffen. (= gestern noch unbescholten, ab heute dank neuer Regel verfolgt).
Dann kommt der Punkt an dem man "steuern" sollte, nicht "verbieten".
Höflichkeit ist keine Schwäche - Empathie ist keine Dummheit - Moral ist nicht moralinsauer

Beitrag 17.09.2012, 06:58

Knipser
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....und heute werden (amerikanische) Großbanken von religiös verblendeten Irren,die "Gottes Werk" verrichten,geführt.

Beitrag 17.09.2012, 09:53

nameschonweg
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Ladon hat geschrieben:Etwas provokanter könnte man auch sagen: Solche religiösen Lebensregeln gelten in unserem Kulturkreis zu Recht als "mittelalterlich".
Da bin ich mir gar nicht so sicher. Vielleicht gelten diese Regelungen auch deshalb als "mittelalterlich", weil sich unsere Wertmaßstäbe verändert haben.

Obwohl ich nun wirklich säkularisiert genug bin, so halte ich Glaubensvorschriften als Maßstäbe für soziale Gemeinschaften durchaus für geeignet - zumindest, wenn nichts anderes mehr funktioniert. Letztendlich baut auch unser Gemeinwesen auf Glaubensgrundsätzen auf, denen ich mich durchaus verpflichtet fühle.

Die von Dir beschriebenen Schlupflöcher werden meiner Meinung nach nur deshalb größer, weil der soziale Druck, die geschriebenen (egal, ob im Gesetzbuch oder in einer Glaubensvorschrift) oder ungeschriebenen Gesetze zu befolgen, stetig abnimmt.

Aktuell soweit, dass das Ausnutzen von "Schlupflöchern" als große Geistesleistung besonders schlauer Köpfe bewundert wird - unsere Politik ist da das beste Beispiel: früher galt "der Geist des (Grund-)Gesetzes" als Maßstab für dessen Auslegung, heute wird bewusst nur nach dem genauen Wortlaut Recht gesprochen, um sprachliche Lücken nutzen zu können. Der nächste Schritt, der sich andeutet, ist, dass gesetzliche Regelungen und Verträge ohne Anflug von Reue auch öffentlich und ohne Scham gebrochen werden. Die nach Belieben mit mit Füßen getretenen EU-Verträge sind wohl nur der Anfang, inzwischen wird von EU-Beamten auch offiziell die Lüge als legitimes Mittel staatlicher Politik betrachtet.

Wenn man erst einmal an diesem Punkt angekommen ist, erscheint einem das Befolgen solcher Regeln durchaus als dumm und mittelalterlich.

Wir haben unsere Werte "als Gemeinschaft" (bei jedem individuell verschieden) gegen Profitmaximierung eingetauscht. Geldverdienen geht vor Gemeinnutz.

So forschen Pharmaunternehmen an schweren Krankheiten nicht weiter, weil es nur wenige zehntausend Menschen auf der Welt betrifft und somit die Forschung nicht profitabel ist. In der Dopingforschung sind ähnlich wenige Menschen betroffen, aber das Themenfeld ist profitabler. Verluste privater Spekulation werden vergemeinschaftet, Gewinne privatisiert ("Bankenrettung"). Die Grundsätze der französischen Revolution, zu deren Verbreitung Napoleon unter anderem mit der Kanone im Gepäck aufgebrochen ist, endeten, als man "französisch sprechende Neger" (Originalzitat "Woodrow Wilson") für die französische Staatsfinanzierung mit Zustimmung der Weltgemeinschaft zur Kasse bitten konnte. Und letztendlich nutzen wir unsere angeblich so noblen, aber innerlich ausgehöhlten Werte, um mit ihnen in der Hand militärisch einzugreifen, wo immer unsere Interessen bedroht werden.

Oder schlichter: man gönnt dem Nachbarn das neue Auto nicht, anstatt sich über seinen Erfolg zu freuen.

Gegen AKWs, bedrohte Nagetiere und durch Ausflugslärm belastete Wattwürmer gehen die Menschen auf die Straße und radikalisieren sich mitunter, aber gegen den Werteverfall ... nix, null.

Ich brauche gar keine neuen Gesetze, weniger wären mit lieber. Was wir meiner Meinung nach aber dringend brauchen, ist eine Rückbesinnung darauf, nach welchen Werten diese Gesetze einst verfasst wurden. Und das wir uns ihnen wieder verpflichtet fühlen. Ansonsten hätten sich eine Menge schlauer Menschen (Montesquieu, Voltaire, Rousseau, etc.) umsonst die Finger wund geschrieben.

Und wir hätten wieder eine geistige Alternative zum schnöden Mammon. Und vielleicht genügend gesellschaftliche Ächtung für diejenigen, welche diese Werte zu unterminieren oder für ihre Zwecke zu instrumentalisieren versuchen.

Vielleicht würden "wir" / der Westen dann in anderen Teilen der Welt wieder etwas mehr geachtet, wenn wir selber die Werte und die Demokratie leben würden, die "wir" ansonsten - u.a. mit der Waffe in der Hand - anderen als Heil bringen wollen.
“The greatest tragedy in mankind's entire history may be the hijacking of morality by religion.”, Arthur C. Clarke
"Papierwährungen sind die Glasperlen des Industriezeitalters"

Beitrag 17.09.2012, 12:41

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Goldfriese
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nameschonweg hat geschrieben:nicht zuletzt konnten mit dem christlichen Glauben die teils barbarisch geführten Kreuzzüge gerechtfertig werden,
Bitte keine Kreuzzugkeule. Die Kreuzzüge waren lediglich eine Antwort auf jahrhundertelange grausame Expansionsfeldzüge der Moslems und wurden darüberhinaus von ihnen gar nicht mal als besonders nennenswert eingestuft, eher als logische Reaktion.

Sich auf die bösen Kreuzzüge zu berufen, ist ein Phänomen der Neuzeit.

Beitrag 17.09.2012, 15:26

nameschonweg
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War ja nur ein Beispiel :)

Ich wollte eigentlich nur darauf hinaus, dass die Deutung religiöser Schriften nach den politischen "Anforderungen" der jeweiligen Zeit angepasst und als Begründung für "was auch immer" herangezogen wird.

Der Islam bereicherte zur Zeit des Islamischen Reiches Wissenschaft, Kultur und religiöse Toleranz, heute wird er allzu oft als Rechtfertigung für Gewaltakte interpretiert. Auch die Bibel wird mal zur Rechtfertigung des Kampfes, mal der Mildtätigkeit ausgelegt.

Alles eine Frage der äußeren Umstände ...
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Beitrag 18.09.2012, 19:21

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RCM
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Goldfriese hat geschrieben: Bitte keine Kreuzzugkeule. Die Kreuzzüge waren lediglich eine Antwort auf jahrhundertelange grausame Expansionsfeldzüge der Moslems und wurden darüberhinaus von ihnen gar nicht mal als besonders nennenswert eingestuft, eher als logische Reaktion.

Sich auf die bösen Kreuzzüge zu berufen, ist ein Phänomen der Neuzeit.
Also lieber Goldfriese, analysiert man die Kreuzzüge genauer, stellt sich sehr schnell heraus, dass du treffsicher...
daneben liegst, aber lass uns dieses Thema nicht weiter vertiefen, denn du weißt ja
Je mehr Licht man in die Kirchengeschichte bringt, desto dunkler wird's.(Heinrich Wiesner)
:wink:

@nameschonweg,
ja sehr treffend ausgedrückt... Dennoch sehe ich auch etwas Licht, denken wir nur an die Hilfswelle gerade unter Nachbarn, aber auch quer durch Deutschland nach der Flut 2002 oder daran, dass die Deutschen regelmäßig bei Katastrophen gerade auch in fremden Ländern, privat die größten Summen spenden...

Viele Grüße
RCM
Nichts ist schwerer und erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und zu sagen: Nein!
Kurt Tucholsky

Beitrag 18.09.2012, 20:02

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RCM
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nameschonweg hat geschrieben: Der Islam bereicherte zur Zeit des Islamischen Reiches Wissenschaft, Kultur und religiöse Toleranz, ...
also hier, hier muß ich aber auch widersprechen, mir scheint hier doch deutliche Verklärung im Blick.
Denken wir nur an Şeyḫ Bedreddīn bin Ḳāḍı Simavna kurz Scheich Bedreddin oder Abu Bakr Muhammad ibn Zakariya ar-Razi
Ich frage mich eh öfter, warum herausragende Leistungen auf medizinischem, naturwissenschaftlichen, philosophischen und sonstigen Gebieten öfter mal in Zusammenhang mit der jeweiligen Religion genannt werden... Aus meiner Sicht sind sie keineswegs wegen, sondern eher trotz der jeweils vorherrschenden Religionen entwickelt und erbracht wurden...Im übrigen waren es nicht nur Araber, auch Perser und Juden leisteten in der damaligen islamischen Welt Bedeutendes, oft wurzelnd auf den Werken der alten Griechen.

Grüße
RCM
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Kurt Tucholsky

Beitrag 19.09.2012, 15:13

noses
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Goldfriese hat geschrieben:Die Kreuzzüge waren lediglich eine Antwort auf jahrhundertelange grausame Expansionsfeldzüge der Moslems und wurden darüberhinaus von ihnen gar nicht mal als besonders nennenswert eingestuft, eher als logische Reaktion.
Wer es glaubt…

Die Kreuzzüge waren in erster Linie ein strategischer Handelskrieg um die einfachste Handelsroute nach China. Damals hatten die noch keine Super-Containerschiffe und mußten den Transport so einfach wie möglich gestalten. Wer diese Ecke der Welt hält, besetzt den einfachsten Weg in Richtung China und kann die anderen Spediteure erpressen.

Der Rest mit dem ach so heiligen Jerusalems-lost-Geseihere war regierungsübliches Marketing, um den dummen Europäern die Nummer schmackhaft zu machen. Also soetwas wie der Euro.


noses.

Beitrag 19.09.2012, 15:58

Quinar
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noses hat geschrieben:
Goldfriese hat geschrieben:Die Kreuzzüge waren lediglich eine Antwort auf jahrhundertelange grausame Expansionsfeldzüge der Moslems und wurden darüberhinaus von ihnen gar nicht mal als besonders nennenswert eingestuft, eher als logische Reaktion.
Wer es glaubt…

Die Kreuzzüge waren in erster Linie ein strategischer Handelskrieg um die einfachste Handelsroute nach China. Damals hatten die noch keine Super-Containerschiffe und mußten den Transport so einfach wie möglich gestalten. Wer diese Ecke der Welt hält, besetzt den einfachsten Weg in Richtung China und kann die anderen Spediteure erpressen.

Der Rest mit dem ach so heiligen Jerusalems-lost-Geseihere war regierungsübliches Marketing, um den dummen Europäern die Nummer schmackhaft zu machen. Also soetwas wie der Euro.


noses.
Eben...

Wer es glaubt!

1095 spielte der Chinahandel für Nordwesteuropa etwa die Rolle welche dem heutigen Handel zwischen Bolivien und Moldawien zukommt.
Geschichte läßt sich zudem übrigens in sehr vielen Fällen nicht rein durch unmittelbare Wirtschafsintressen deuten.
So modern diese Auffassung auch ist ist sie eigentlich eher ein Spiegel des heutigen Betrachters als des betrachteten Zeitraums.

Beitrag 19.09.2012, 16:23

Saskia
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Ja...das war mit den Kreuzzügen ja wirklich so. Von wegen ''heiliges Land'' - es ging nur um Handelsrouten und andere Sachen. Warum waren den die Tempelritter so reich, dass König Phillip sie unbedingt loswerden wollte? Weil sie das erste Banksystem aufgebuat haben. Dazu haben sie sozusagen Wester Union erfunden um Geld von Burg1 nach Burg2 zu schicken. Da kam der Kreuzzug ja ganz richtig um ihren Einfluss ein bisschen zu vergrößern. Wirklich interessant, wenn man den ein oder anderen Krieg mal aus einer wirtschaftlichen Perspektive analysiert.

Beitrag 19.09.2012, 16:59

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Ladon
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Quinar hat geschrieben:...
1095 spielte der Chinahandel für Nordwesteuropa etwa die Rolle welche dem heutigen Handel zwischen Bolivien und Moldawien zukommt.
Geschichte läßt sich zudem übrigens in sehr vielen Fällen nicht rein durch unmittelbare Wirtschafsintressen deuten.
So modern diese Auffassung auch ist, ist sie eigentlich eher ein Spiegel des heutigen Betrachters als des betrachteten Zeitraums.
Mag sein ... aber Du begehst einen ähnlichen Fehler Deine Sicht auf "Nordwesteuropa" zu begrenzen. Es geht nicht um die Waren, die konkret aus China nach Paris gebracht worden sind, sondern um die Kontrolle eines internationalen Handelsweges!
Wer den Suez-Kanal kontrolliert muss ja auch nicht alle Waren, die da durchgeschippert werden selbst kaufen ...

Außerdem wird der Fernhandel im Mittelalter permanent unterschätzt. Allein Seide war schon ein zentral wichtiges Gut, bei dem praktisch jeder Kilometer, den man weiter nach Osten vorstoßen konnte, die Marge erhöht. Es wäre nett, wenn Du sowas präzisieren könntest. Vielleicht gibt es da ja auch andere Erkenntnisse, die Dir zugänglich sind.

Und dann kommt noch dazu, dass der Ostasienhandel seit der Antike bekannt und durchaus voluminös war (Plinius beklagt einmal den Abfluss von Silber für den Import von Luxusgütern aus Indien). Der "Nahe Osten" war also zu diesem Zeitpunkt schon seit einem Jahrtausend und mehr ein enorm lukrativer Handelsknotenpunkt. Wir Westeuropäer vergessen dann auch gern mal, dass das "finstere Mittelalter" mit Zusammenbruch und "Barbarisierung" nach Roms Untergang ein WESTLICHES Phänomen ist! Ostrom, Byzanz, Konstantinopel hat da eine ganz andere Geschichte, die erheblich gradliniger verlief und es blieb immer eine Macht (bis Venedig es von Kreuzfahrern plündern ließ ...), mündete schließlich ins Osmanische Reich.

Mir scheint, dass eher Du die heutige - Westeuropa/Amerika orientierte - Sichtweise propagierst.
Saskia hat geschrieben:...
Warum waren den die Tempelritter so reich, ...? Weil sie das erste Banksystem aufgebuat haben.
...
Haben sie nicht. Die Römer hatten ein komplexes, leistungsfähiges Bankensystem - dagegen waren die Banken der Ritterorden, der Hanse etc. primitive Institute.

Was "die Templer" (die sind halt so schön geheimnisvoll ;-) ) gemacht haben, ist das institutionelle Ausnutzen eines "Paradoxons" von Depositbanken:
Eigentlich meint man ja, dass ein umlaufender "Depositschein", der "überall" eingelöst werden kann, mit Papiergeld nichts zu tun hat. Stimmt aber nur fast. Selbst im einfachsten Fall (Einlage x Gramm Gold, entsprechender Schein, andere nehmen diesen Scheni an, weil sie Vertrauen haben, Auszahlung der x Gramm Gold) ergibt sich eine bei näherer Betrachtung groteske Situation:
Der Einleger gibt sein Eigentum auf - er hat nur noch Anspruch auf "irgendwelches" Gold entsprechender Menge. Das ist NICHT unerheblich, denn es bedeutet tatsächlich für die Dauer des Umlaufs des Scheins, dass der Besitzer des Scheins NICHT Besitzer oder Eigentümer eines bestimmten Stückes Gold ist.
Wichtiger aber: Sobald sich die Einlagen und die Scheine zu bewegen beginnen - selbst ohne jede böse Absicht: der Schein SOLL ja transportiert und weitergegeben werden können und das Gold MUSS gelegentlich dort hin gebracht werden, wo Auszahlungen anstehen - sobald das Geld also "fließt" ist Geldschöpfung aus dem Nichts betrieben worden. Einlage + Schein ist mehr als nur die Einlage. Auch das ist NICHT unerheblich! Schon gar nicht in einer Welt, in der ein Brief von Canterbury nach Rom schon mal sieben Wochen unterwegs sein kann. Auch das Geld ist damals "langsam" ... und für genau diese Zeit, die "Umlaufzeit", ist die Geldmenge verdoppelt worden.
Wenn das jemand kapiert, dann kann er (ohne die Einleger zu betrügen, denn keiner dieser Einleger kann von einem bestimmten Stück Gold sagen, dass es ihm gehört!!!) mit hinterlegtem Gold "agieren" auch ohne es zu veruntreuen. Nur eine Frage der geschickten Terminierung.
Höflichkeit ist keine Schwäche - Empathie ist keine Dummheit - Moral ist nicht moralinsauer

Beitrag 19.09.2012, 20:01

Quinar
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Ladon hat geschrieben: Wir Westeuropäer vergessen dann auch gern mal, dass das "finstere Mittelalter" mit Zusammenbruch und "Barbarisierung" nach Roms Untergang ein WESTLICHES Phänomen ist! Ostrom, Byzanz, Konstantinopel hat da eine ganz andere Geschichte, die erheblich gradliniger verlief und es blieb immer eine Macht (bis Venedig es von Kreuzfahrern plündern ließ ...), mündete schließlich ins Osmanische Reich.
Ohne mich dem Modewort "Transformation"anschließen zu wollen,erhebliche Brüche gab es sehr wohl auch im Oströmischen Reich.
Gegen Beginn des 7.Jh. sind diese dann so massiv daß man gemeinhin mit Herakleios eine mittelbyzantinische Periode beginnen läßt.

Da bereits im 9.Jh. größere Mengen an Ag nördlich des kaspischen+schwarzen Meeres aus Zentralasien bis nach Skandinavien strömt sehe ich nicht welche Bedeutung eine "Südroute" Ende des 11.Jh nun plötzlich wieder haben soll.

Beitrag 19.09.2012, 20:16

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Ladon
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Quinar hat geschrieben:...
Da bereits im 9.Jh. größere Mengen an Ag nördlich des kaspischen+schwarzen Meeres aus Zentralasien bis nach Skandinavien strömt sehe ich nicht welche Bedeutung eine "Südroute" Ende des 11.Jh nun plötzlich wieder haben soll.
Und ich sehe hier den Zusammenhang nicht ... ;-)

Geht ja nicht um "Silber auf der Nordroute" und schon gar nicht um "plötzlich wieder" (!), sondern um die Bedeutung der "Seidenstraße" und die Handelswege nach Indien (Seeweg "gab's" noch nicht) und überhaupt den Umfang des Ostasienhandels über den Nahen Osten.
Über die Bedeutung der zentral- und südasiatischen Handelsrouten im hohen Mittelalter gibt es Unmengen an Literatur. Da kannst Du Dir recht leicht die notwendigen Informationen besorgen, um die wirtschaftliche Bedeutung der "Levante" dann sehen zu können.


Und: Warum jetzt vom Hundertsten ins Tausendste? Jetzt kommst Du mit der Existenz von "Brüchen" im Oströmischen Imperium, obwohl die Aussage doch lediglich war, dass im Vergleich zu den Zuständen im Westen dort eine große Kontinuität herrschte ("erheblich gradliniger" waren meine Worte). Daran kann man doch wohl kaum zweifeln.
smilie_08
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Beitrag 19.09.2012, 22:02

Quinar
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Ladon hat geschrieben:
Quinar hat geschrieben:...
Da bereits im 9.Jh. größere Mengen an Ag nördlich des kaspischen+schwarzen Meeres aus Zentralasien bis nach Skandinavien strömt sehe ich nicht welche Bedeutung eine "Südroute" Ende des 11.Jh nun plötzlich wieder haben soll.
Und ich sehe hier den Zusammenhang nicht ... ;-)
Aha!

Beitrag 20.09.2012, 06:45

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Ladon
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Sehr hilfreich. Antwortest Du prinzipiell nicht, wenn Du gebeten wirst eine gemachte Aussage irgendwie etwas zu präzisieren?

Zur Erinnerung:
Du hattest die Behauptung aufgestellt, der Ostasienhandel (China, Indien) über die "Levante" hätte keinerlei Bedeutung für Europa gehabt. Oder wäre so nebensächlich gewesen, dass er bestimmt kein Grund für eine "Intervention" via Kreuzzüge sei (oder zumindest sich der Kreuzzüge zu "bedienen").
Dem wurde nicht nur von mir widersprochen und - weil das hier nun mal ein Forum ist und die "Leser" ganz gerne wissen, ob sie es mit einer Privatmeinung oder mit fundiertem Wissen zu tun haben - ich bat darum, das etwas auszuführen und zu erklären.

Von da an hast Du Fragen mit Gegenfragen "gekontert" und völlig neue Themen aufgebracht. Auf Nachhaken kommt ein "Aha", das sich wohl auf mein Unvermögen bezieht, die kausale Abhängigkeit der Bedeutung der Ostasienroute über die Levante von den Silbertransporten Kaspisches Meer nach Skandinavien zu erkennen.
Wenn ich etwas nicht verstehen kann, dann frage ich nach - in der Hoffnung etwas zu erfahren, was ich vorher nicht wusste. Nur so lernt man schließlich was. Aber leider kommt nix.


Folgende Fragen stehen also nach wie vor im Raum:

Warum glaubst Du, dass der levantische Ostasienhandel für Westeuropa keine (oder nur geringste) Bedeutung hatte? Du musst doch "von irgendwo her" zu dieser These gelangt sein.
Was hat ein Silberstrom vom Kaspischen Meer nach Skandinavien mit dem Volumen und der Bedeutung des Seidenstraßen- und Indienhandels im Nahen Osten zu tun? Warum macht ein Zufluss von Silber in Skandinavien den uralten Handelsweg für Luxusgüter (nochmal: SEIDE!) "unten rum" unnötig?

Ich denke, dass es doch für den "Faden" hier ganz interessant sein könnte, zu erfahren wie diese Aussagen zustande kommen. Und weil Du diese Aussagen gemacht hast, frage ich eben Dich. Wenn Du keine Lust hast zu diskutieren (also Argumente AUSZUTAUSCHEN), ist das natürlich okay, aber dann ist es ein wenig problematisch, wenn Du Dich mit sehr plakativen Thesen einbringst. Ist doch klar, dass dann weiter gebohrt wird. Jeder Neugierige wird wissen wollen, warum und wieso.

Wäre schön, wenn Du Nachhaken nicht als Provokation verstehen würdest, sondern als das Interesse, das es ist! Danke.
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Beitrag 20.09.2012, 07:48

Marc Hartmann
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@ Goldfriese: Danke für deine Kommentare!!Du sprichst mir aus der Seele!!!


Dafür nochmal: DANKE!!!!!

Beitrag 20.09.2012, 11:10

Gladius
10 Unzen Mitglied
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Registriert: 11.12.2011, 16:10
http://www.geschichtsforum.de/

Für alle Interessierten, ein gut geführtes Forum (zumindest meiner Meinung nach) in dem sich auch Fakten zu den Kreuzzügen nachlesen lassen.

Beitrag 21.09.2012, 05:51

chrom
10 Unzen Mitglied
Beiträge: 296
Registriert: 11.08.2011, 12:42
---
Zuletzt geändert von chrom am 04.10.2013, 08:05, insgesamt 1-mal geändert.

Beitrag 21.09.2012, 06:18

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KROESUS
1 kg Barren Mitglied
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Registriert: 08.01.2011, 11:41
die Protestiererei fordert schon die ersten Opfer:

http://www.liveleak.com/view?i=363_1347 ... ent_page=4

:roll:

Antworten